Eisenbahnbau stärkt den Fremdenverkehr – weitere Expansion der Böttingerschen Brauerei

von Hannelore Volk

Von der Bierbrauerei Böttinger zum Holzwurm –

Brauereiwesen und Gaststätten an der Darmstädter Straße in Auerbach

2. Kapitel

Durch die Fertigstellung der Bahnlinie Main-Neckar-Bahn 1846 und des Auerbacher Bahnhofes 1851 wurde die Bergstraße und dabei insbesonders Auerbach mit seiner Burgruine „Auerbacher Schloss“ und dem Fürstenlager zu einem beliebten Ausflugsziel. Aus alten Broschüren kann man entnehmen, dass täglich ungefähr 17-8 Personenzüge in Auerbach hielten. Der Bahnhof war von 4:00 Uhr morgens bis 1:00 Uhr nachts geöffnet. In dieser Zeit konnte man auch Telegramme mittels Bahntelegraphen versenden. Fremdenverkehr und Gastronomie in Auerbach profitierten von den verbesserten Verkehrsbedingungen.

1896 wurde die Gaststätte „Zum Schützenhof“ durch einen großen Saal ergänzt. Außerdem wurde eine überdachte Halle in dem großen Biergarten aufgestellt. Im selben Jahrkaufte Heinrich Böttinger ein weiteres Anwesen in Auerbach. Das Grundstück hat heute die Hausnummer 191 (Eisdiele Darmstädter Straße bis zum Jahre 2007). Da die Wohnmöglichkeiten in der Brauerei sehr eingeschränkt waren, ist zu vermuten, dass Heinrich Böttinger mit seiner Familie dort wohnte. Die Geschäfte gingen unter dessen weiterhin gut. So berichtete die Presse (Bergsträßer Anzeigenblatt BA) am 8. Juni 1897, dass an beiden Pfingstfeiertagen für 1.500 Personen in Böttingers Brauerei nicht weniger als 22 Hektoliter, somit 2.200 Liter Bier, ausgeschenkt wurden.

Von Interesse dürfte in diesem Zusammenhang auch eine Meldung im BA vom 3. September 1898 sein, wonach die Ernte des Hopfens, also eines wichtigen Rohstoffes für das Bierbrauen, an der oberen Bergstraße Ende August begonnen hatte. Auf der Straße von Bensheim nach Heppenheim konnte man in jenen Tagen noch lange Hopfenstangen sehen. Es wurde von einer lebhaften Nachfrage berichtet und der Zentner kostete 100 bis 110 Mark. Am 8. November 1898 vermeldete die Zeitung sogar, dass man eine „wahre Völkerwanderung“ nach Auerbach beobachten konnte. Die Bahnzüge brachten große Mengen von Besuchern an die Bergstraße. Die Restaurants sollen fast überfüllt gewesen sein. Auch die Tanzlokale erwiesen sich als wahre Besuchermagnete. Am 29. Mai 1899 verstarb Heinrich Böttinger nach einer langen Krankheit und das Anwesen ging in den Besitz von Frau Böttinger über. Er wurde, wie später auch seine Frau, in der unmittel­baren Nähe der Bergkirche Auerbach begraben. Der Grabstein ist heute noch vorhanden.

Inzwischen gab es in Auerbach Straßennamen und das Grundstück wurde als Haupt­straße 65 geführt. Noch im Jahre 1899 überschrieb Frau Böttinger das Anwesen ihrer Tochter Marie und deren Verlobten, den Bierbrauer Jean Gehrig. Marie Böttinger und Jean Gehrig heirateten im gleichen Jahr. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Jean Gehrig nahm Investitionen in Angriff, die noch von seinem Schwiegervater geplant wurden. 1899 erteilte ihm das Großherzogliche Hess. Kreisamt die Erlaubnis zur Errichtung eines Schornsteines und 1902 die Genehmigung zur Aufstellung eines Dampfkessels. Am 6. November 1904 trat Georg Breidenbach als Gesellschafter in die Brauerei Böttinger ein. Die Brauerei wurde nunmehr unter dem Namen „Böttingef s Bierbrauerei Jean Gehrig und Comp.“ geführt. Der Sitz der Gesellschaft war Auerbach. Die Gesellschafter waren mit folgendem Stammkapital beteiligt: Jean Gehrig und Georg Breidenbach mit je 55.000 Mark.

Im Zuge der Vergrößerung der Brauerei und der Aufstellung eines neuen Dampfkessels wurde das Nachbargrundstück (Darmstädter Str. 181 heute „Die Goldene Gerste“) 1905 dazugekauft und es wurde in dem damaligen Gebäude ein Büro eingerichtet. Die Bierfässer mussten täglich mit Pferdekutschen in die verschiedenen Gaststätten ausge­liefert werden. Um für den Pferdestall und die Wagenhalle Platz zu schaffen, mussten riesige Erdmassen abgetragen werden, da die hinteren Flächen der beiden Grundstücke (Darmstädter Str. 181 und 183) sehr steil waren. Außerdem wurde eine Halle für Fässer errichtet. Zeitgenössischen Dokumenten kann entnommen werden, dass viele jungen Brauer ähnlich den Zimmerleuten auf „Wanderschaft“ gingen und nur kurze Zeit (2 bis 3 Monate) bei einer Brauerei beschäftigt waren. Ein Brauer verdiente damals zwischen 9 und 12 Mark wöchentlich. Oft waren gleichzeitig bis zu 4 Brauer in einer Brauerei beschäftigt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: