Das Kinderheim am Höllberg in Auerbach

14. Mai 2010

von Hannelore Volk

Vor 1890 waren ungefähr 30 kleine Landhäuser in Auerbach vorhanden, die allerdings eher den Charakter von Sommerwohnungen hatten, denn die Bewohner der in der Nähe gelegenen Großstädte hielten sich hier vorwiegend im Sommer auf. Ständige Villenbewohner gab es noch kaum.

Dies änderte sich erst, als die bis dahin in Auerbach ansässige Chininfabrik ihre Produktion einstellte, das Elektrizitätswerk errichtet und die Gasbeleuchtung eingeführt wurden und sich zugleich eine rege Bautätigkeit entfaltete. Seit 1890 sind teilweise 8 bis 10 Villen jährlich erbaut und bezogen worden. Viele vermögende Bürger schätzten das milde Klima und das romantische Landschaftsbild der Bergstraße.

Während Auerbach früher als armer Ort galt, entwickelte sich hier in der Folge ein gewisser Wohlstand für die Bevölkerung. Nicht nur heimische Planer wie Georg und Heinrich Metzendorf, sondern auch namhafte Architekten aus anderen Städten entwarfen Häuser, die in Auerbach gebaut wurden. Der Essener Architekt Wilhelm Hamm, Königl. Landbauinspektor, entwarf für Robert Wickenberg aus Münster/Westf. eine Villa (großherzogliches Haus), das in der Darmstädter Str. 103, später 115, heute Nr. 269, erbaut wurde.

Hier lebte Robert Wickenberg mit seiner Familie bis 1916. Dann verkaufte er das Haus und zog in die Heidelberger Str. 42, heute Darmstädter Str. Nr. 123. Von 1916 bis 1919 war Karl Stram aus Köln-Mülheim der Besitzer. 1919 wurde das Haus an Rudolf Müller aus Völklingen verkauft.

1923 erwarb Fritz Reinhart-van Gülpen das Anwesen. Er war mit Carla van Gülpen verheiratet. Im Interesse der Namenserhaltung beider Familien wurden die Namen bei der Eheschließung zu Reinhart-van Gülpen verbunden. Die Familie Reinhart war Mit­besitzer der großen Lederwerke Doerr & Reinhart in Worms. Wie die Reinhart-van Gülpens das Haus nutzten, ist bislang nicht bekannt. Er selbst wohnte seit 1922 bis zu seinem Tode 1947 in Bensheim, Ernst-Ludwig-Str. 29.

Fritz Reinhart-van Gülpen hatte durch großzügige Spenden 1919 das Kinderheim St. Marien in Worms und auch die Volksschule in Beerfelden gegründet. Am 6. Juli 1933 hat er sein väterliches Anwesen „Bergkloster“ der Stadt Worms als Heim für die Stadtbibliothek übereignet. Der Schenkungsbrief, der bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde, ist im Mitteilungsblatt des Altertums Vereins Nr. 3 Oktober 1933 abgedruckt.

Möglicherweise hat er auch das Haus am Höllberg schon wenige Jahre nachdem er es erworben hatte, gemeinnützigen Zwecken zur Verfügung gestellt. Tatsache ist, dass sich bereits seit 1932 in der Villa ein Kinderheim unter der Leitung von Adelheid Fritz befand. Ein Team von Hausangestellten versorgte und betreute 17 Pflegekinder. Am 18. März 1936 ging das Heim an das Land Hessen über. Von 1942 bis zum Kriegsende war die NS Volks Wohlfahrt Berlin Trägerin des Kinderheims. 1945 wurde das Kinderheim von der amerikanischen Besatzungsmacht übernommen. In dieser Zeit soll nach unbestätigten Angaben von Zeitzeugen der Befehlshaber der 7. US Armee etwa um den 7. April 1945 mit seinem Stab für ca. 10 Tage dort sein Quartier genommen haben.

Die Liegenschaft Darmstädter Str. 269 in Bensheim-Auerbach (Größe 6.876 qm) wurde durch die amerikanische Kontrollratsdirektive Nr. 50 vom 29. Juni 1947 in das Eigentum des Landes Hessen übertragen. Die Verwaltung des betriebenen Kinderheimes wurde nach Kriegsende und Auflösung der NS Volkswohlfahrt vom Kreis Bergstraße unter der Auflage übernommen, dass das Vermögen ausschließlich den Zwecken eines Kinderheimes dienstbar gemacht wird. Dies wurde in der Übertragungsurkunde unab­dingbar vereinbart.

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